Die unverschämte Freiheit, sich rauszunehmen

Die unverschämte Freiheit, sich rauszunehmen

Die Dinge laufen nicht immer so, wie geplant. Doch was dann passiert, kann genial sein.

Aber von Anfang: Dezember 2018, im Kalender steht „Besuch Pater Provinzial“ – eh schon für manchen Jesuiten ein Nervenkitzel. Denn unser Oberer kommt nicht bloß zum Kuchen vorbei. Ich blicke dem eher entspannt entgegen. Denn ich komme gerade aus Rom von der Jugendsynode, will wieder voll durchstarten und Netzwerke aufbauen mit den neuen Kontakten. Hier öffnen sich gerade ungeahnte Türen für die Zukunftswerkstatt, die gerade erst zwei Jahre alt wird. Jetzt ist Zeit für Konsolidierung, ich sitze fest im Sattel, denk ich.

Denkste. Noch heute erinnere ich mich an den Moment, als mein Provinzial zu mir sagt: „Du könntest doch ab Sommer 2019 ins Terziat!“ Für die Sprachliebhaber unter euch: Das hier ist ein gefälschter Konjunktiv. In Wahrheit ist das nämlich ein ziemlich echter Imperativ, ein Satz, der eine neue Wirklichkeit setzt – und er „sitzt“. Ich weiß natürlich, was Terziat heißt: die letzte Ausbildungsphase für Jesuiten, knapp ein Jahr „offroad“. Theoretisch wusste ich auch, wie toll das ist, denn dieser Kurs dient dazu, nochmal vertieft seinen Weg zu überprüfen: „Will ich so, in der Gesellschaft Jesu, weiterleben?“

Doch praktisch hat mich der Zeitpunkt völlig kalt erwischt. „Ich bin doch eigentlich gerade zu wichtig, um wegzugehen!“ Erst war ich also überhaupt nicht begeistert, dann sogar ärgerlich. Es ist zu früh, das Werk jetzt in fremde Hände zu geben, referiere ich vor mir selber. Zugleich höre ich tief drin ein Veto: „Wann denn dann? Nächstes Jahr findest du neue Notwendigkeiten, die dich unabkömmlich machen“. ‚Ich kann jetzt nicht‘, das kann ich immer sagen, bis es zu spät ist.

Unwillkürlich denke ich auch an Gäste in der Zukunftswerkstatt und muss schmunzeln. Es melden sich nämlich ein paar von Exerzitien und Auszeit-Wochenenden mit ähnlichen Worten ab. „Ich kann jetzt gerade nicht, habe gerade einfach zu viel zu tun“ – sie merken oft gar nicht, wie sie sich in einem Geflecht scheinbarer Notwendigkeiten verfangen haben. Gefangen im Alltag finden sie keine Chance, sich mal rauszunehmen und auf was Anderes einzulassen. Wo bleibt ihre Freiheit, frage ich mich dann. Und wo bleibt jetzt meine?

Von selbst hätte ich mich wohl kaum abgelöst. Wie gut, dass mir mein Gehorsamsgelübde die Freiheit garantiert, entbehrlich zu sein. Ich brauche dann auch kaum einen Tag in Salamanca, um festzustellen: Mir fehlt gar nichts. Die Welt dreht sich weiter. Zehn wunderbare Monate später immer noch. In der Schülerrolle kann ich mich entspannen, darf einfach lernen. Mein Spanisch öffnet mir eine ganz neue Welt. Ich treffe Jesuiten aus Chile, Mexiko, Peru, den USA und sogar aus Österreich – die SJ ist ja ziemlich global.

Nach zehn Jahren Arbeit und durchaus unterschiedlichen Erfahrungen mit dem, was Jesuitenalltag heißt, lese ich nochmal die Gründungstexte der Gesellschaft Jesu. Zurück auf Anfang, das stärkt die Identität. Staunend entdecke ich, was für ein geniales Institut Ignatius von Loyola da (sicher mit Hilfe vom Heiligen Geist) vor Jahrhunderten aufgebaut hat. Das klingt nach Schwärmerei, aber ganz ehrlich, ich spüre einfach, wie leidenschaftlich gern ich Jesuit bin.

Das gilt nochmal mehr nach den dreißigtägigen Exerzitien. Die waren wieder ganz anders als erwartet, natürlich viel besser! Der Herr weiß schon, was ich wirklich brauche. Darum fühle ich mich rundum erfrischt und an Geist, Seele und Leib erneuert. Rausgerissen aus einem bekannten Boden, aber neu verwurzelt in meiner Berufung als Gefährte Jesu. Darum habe ich kein Problem zu sagen: Ich möchte für immer in dieser Gesellschaft Jesu leben und darin alt werden – Letzteres irgendwann mal.

Und es ist so herrlich befreiend, mich nicht mehr so wichtig zu nehmen. Erfahrung wäre keine, wenn sie mich aufbläst. Darum kann ich mich, wenn ich jetzt nach Frankfurt zurückkehre, wieder voller Lust in die Zukunftswerkstatt hineinstürzen und die Gäste auf ihrem Weg zu mehr Freiheit begleiten.

Wenn ich heute auf den Besuch vom Provinzial zurückschaue, sage ich: Danke, liebe Jesuiten, dass ihr so unverschämt seid. Weil ihr euch den Luxus leistet, Leute wie mich einfach mal für ein Jahr rauszunehmen. Noch mehr: Danke, lieber Gott, dass du mich wieder und wieder befreist aus dem Gefängnis des „Ich kann jetzt nicht“, das manche Alltag nennen.

Wenn du auch mal wieder so unverschämt sein willst, dich für ein paar Tage einfach rauszunehmen und frei zu machen für das, was wesentlich ist: Komm vorbei. Du bist herzlich willkommen. (Wir haben sogar Kuchen)

von Clemens Blattert SJ

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