„Ich möchte leben und nicht gelebt werden“

„Ich möchte leben und nicht gelebt werden“

Pater Clemens Blattert SJ weiß, wie schwer es sein kann, sich zu entscheiden. In Frankfurt a.M. leitet er die „Zukunftswerkstatt“ der Jesuiten für junge Entscheidungssucher zwischen 18 und 30 Jahren.

Ein „Werkzeugkasten“ für gute Entscheidungen

Paderborn, 22. Mai 2018. Thema getroffen – das belegten jetzt ein mit jungen Leuten voll besetzter Hörsaal und der intensive Austausch über die Frage, wie Entscheiden eigentlich richtig geht. Referent des Abends zu diesem Thema war der Jesuitenpater und erfahrene geistliche Begleiter Clemens Blattert SJ aus Frankfurt a.M., den die Katholische Hochschulgemeinde Paderborn (KHG) nach der gemeinsamen Messfeier in der Universitäts- und Marktkirche Paderborn zu dem Themenabend „Wie geht Entscheiden?“ in die Theologische Fakultät Paderborn eingeladen hatte.

„Was ich nicht im Angebot habe, ist ein Rezept, mit dem man alle Entscheidungen des Lebens perfekt lösen könnte“, räumte der 40-jährige Jesuit gleich zu Beginn des Abends ein. Doch viel Zeit, enttäuscht zu sein, blieb den Anwesenden nicht, denn Pater Clemens Blattert präsentierte anhand vieler Beispiele aus dem Leben, gepaart mit Auszügen ignatianischer Spiritualität, einige alltagstaugliche „Werkszeuge“ als mögliche Hilfen für gute Entscheidungen.

Sich im Leben zu entscheiden und entscheidungsfreudig zu bleiben, sei für ein erfülltes Leben enorm wichtig, erklärte der Leiter der „Zukunftswerkstatt“ der Jesuiten in Frankfurt a. M., die junge Entscheidungssucher zwischen 18 und 30 Jahren begleitet. Fehlende Entscheidungen würden neue Aufbrüche verhindern. „Warum hilft es, sich zu entscheiden? Weil ich mich wieder verhalten kann, weil dann eine Aufmerksamkeit dafür wächst, was mich trägt und erfüllt.“

Natürlich wisse auch er, dass Entscheiden nicht immer einfach sei. „Wenn ich ehrlich bin, weiß ich schon beim Halten einer Speisekarte in einer Pizzeria, wie schwer es ist, eine Wahl zu treffen. Und wir reden dann noch nicht von der Schwierigkeit, sich für einen Lebensentwurf, zu einem Studium oder für einen Partner zu entscheiden.“ Aber es führe kein Weg daran vorbei: „Sich zu entscheiden, ist das Alltags- und ein Lebensthema. Sogar wenn wir uns nicht entscheiden, ist das eine Entscheidung“, so der Seelsorger.

Warum das so prägend für uns Menschen ist, habe „mit unserem innersten Kern als Person“ zu tun, „mit unserer Freiheit und unserer Verantwortung“, sagte Pater Blattert. Ihn berühre das Entscheidungsthema, weil es so viel mit dem eigenen Lebenswunsch zu tun habe: „Ich möchte leben und nicht gelebt werden. Ich möchte aktiv mein Leben gestalten, in die Hand nehmen. Ich möchte selbstbestimmt leben, nicht fremdbestimmt.“ Gleichzeitig sei es ein interessantes Thema, weil „wir spüren, dass wir eben nicht alles in der Hand haben, dass wir selber so frei gar nicht sind, innerlich wie äußerlich, dass wir teilweise Angst, innere Widerstände haben, ja sogar Entscheidungen vermeiden“.

Um sich überhaupt gut entscheiden zu können, brauche es aus seiner Sicht eine ganze Menge: klare Argumente, Mut und Offenheit, seine Ängste wahrzunehmen, aber dann auch wieder sein persönliches Fundament in den Blick zu nehmen. Außerdem müsse einem sein persönliches Ziel klar sein. „So können sich Dinge ordnen, dass sich eine Klarheit im Herzen einstellt und ich erkenne: jetzt kann ich mich entscheiden.“

Brauchbare Hilfsmittel bei der Suche nach einer Entscheidung stelle der heilige Ignatius von Loyola, Ordensvater der Jesuiten, bereit, eine Art „Werkzeugkasten“. Zwar müsse man damit auch erst einmal etwas hantieren und ausprobieren. Aber jeder Versuch lohne sich, weil sich das richtige Werkzeug sicher finden ließe.

„Das Grundwerkzeug ist die Unterscheidung der Geister“, erklärte Pater Blattert. Dabei gehe es darum, „die inneren Gaukler, die uns vorgaukeln, dass da mordsmäßig Leben drinsteckt“ zu enttarnen und den „guten Geist“ zu erspüren, der uns den Weg zeigt, der echtes Leben verheiße. Zu erkennen sei „der ungute Geist, dieser Gaukler“, oft an innerem oder äußerem Druck: „Wenn das Herz Enge bekommt, dann entsteht sowas wie Panik und die ist kein guter Berater“, berichtete der Jesuit aus eigener Erfahrung. „Dann bist Du nicht wirklich fähig, gute Entscheidungen zu treffen. Ignatius sagt, dass es viel Ehrlichkeit und Selbsterkenntnis braucht, dass wir diese Gaukler in uns und um uns herum kennenlernen, die verhindern, dass sich Leben entfaltet, wir zu uns kommen, Leben gelingt.“ Ehrlichkeit und Selbsterkenntnis brauche es auch für das Kennenlernen und Wahrnehmen der „guten Geister“. Letztendlich gehe es um „das Heraushören, was Gott für mich will“. Für Pater Blattert bedeute die Unterscheidung der Geister das, was im Vaterunser mit „dein Wille geschehe“ gemeint sei. „Gottes Wille ist ein Lebenswille für uns Menschen“, erklärte der Theologe.

Um die unterschiedlichen Geister gut voneinander unterscheiden zu können, sei ein weiteres ignatianisches „Werkzeug“ wichtig, die Stille. Sie bringe den nötigen „Freiraum, damit das, was mich beschäftigt, Raum bekommt.“ Darum laute seine Empfehlung, sich Zeit für sich selbst zu gönnen. „Es braucht eine stille Zeit, damit ich selber zu mir komme, zu dem, was ich will und was ich nicht will. Da werden mir Dinge klar, da darf mal alles Durcheinander auf den Tisch“, so Pater Blattert.

Aufmerksam machte Pater Blattert dann auch auf die Bedeutung von Exerzitien, die in der ignatianischen Spiritualität eine zentrale Rolle spielen. „Das ist eine Zeit von einigen Tagen im Jahr, wo es ganz still ist. Da wird nichts erreicht und nichts gemacht.“ In dieser Zeit, die man sich bewusst nehmen solle, sei dann Raum für Stille, Gebet, Schriftbetrachtung und begleitendes Gespräch. Das diene der Entscheidungsfindung und tue auch sonst einfach gut. „Das ist ein richtiger Boxenstopp. Das ist ein Aufatmen, ein Erfrischen. Danach gehe ich wieder ganz anders in den Alltag.“

Ein Artikel von: Benjamin Krysmann

Quelle: Theologische Fakultät Paderborn ; Referat für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Fotos: ThF-PB

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