Über die Liebe und den kreativen Funken

Über die Liebe und den kreativen Funken

Zugegeben, in den vergangenen zwölf Monaten stand ich oft auf der „anderen Seite“ und habe mir öffentliche Auftritte, die mit Kirche, Glaube und Spiritualität zu tun haben, mit einer professionell-kritischen Brille angesehen. Mal theologisch, mal aus der Perspektive einer, die seit Jahren fotografiert, gestaltet und schreibt. Fragen, die ich immer gestellt habe, waren folgende: „Was will hier eigentlich rübergebracht werden?“ und „Kommt es an?“, aber auch: „Sieht es so aus, ist es sprachlich so, dass es bei mir ankommt? Versteh ich es überhaupt? Hindert mich die Ästhetik, an die Botschaft zu kommen? Interessiert es mich denn eigentlich? Lässt es genug Raum, um selbst ins Nachdenken zu kommen“.

Denn leider ist es oft so, dass über Sonnenuntergängen, kaum lesbar und in dünner Schrift ein Psalmenauszug steht, mehr aber auch nicht. Ich durfte viel kritisieren, habe so manches Mal mit den Augen gerollt und wurde immer wieder auch positiv überrascht. Spätestens dann, wenn es über meine begrenzte Perspektive als potentielle Nutzerin oder Kritikerin hinausging: Nur weil mit manches nicht anspricht, ist es nicht sofort ein Fall für den (virtuellen) Papierkorb. Zielgruppen sind verschieden, ebenso die Macher*innen. Nicht alle sind Anfang 20 und seit Jahren in mehreren sozialen Netzwerken aktiv. Während dieser Zeit konnte ich viel Wissen weitergeben, selbst Hand anlegen und konnte in diversen Projekten relativ frei arbeiten.

Jetzt, besser gesagt schon im Mai, habe ich die Seiten gewechselt und bin auf einmal auch Produzentin. Ich bin jetzt die, die das gestaltet, womit Menschen erreicht werden sollen. Bilder, Videos, Posts und Texte, die so berühren, dass sie in Kopf und Herz bleiben und neugierig auf das machen, was hier in der Zukunftswerkstatt passiert.
Was soll ich sagen. Das ist oft gar nicht so einfach: Der kreative Funke springt über wann er will und dann falte ich eben plötzlich Papierschiffchen. Manchmal muss ich dafür auf eine Zigarette in den Hof gehen, Kaffee kochen, auf dem Drehstuhl zappeln, etwas lesen, die Bibel aufschlagen, mich unterhalten, zuhören, kritzeln, still werden, laut Musik hören, duschen, oder, oder, oder. Der Geist weht wirklich wie er will, nicht, wie ich es mir vorstelle und wann ich danach verlange. Kreatives Arbeiten ist viel in der Warteschleife hängen – Auflegen und gehen ist manchmal verlockend. Und dann, das weiß ich inzwischen, braucht es Treue. Ein bisschen, wie in den Gebetszeiten, in denen plötzlich alles nervt: der Rücken tut weh, die Bibelstelle ist sperrig, Sitzbachbar*innen machen komische Geräusche machen und die Stille wird vom inneren Monolog übertönt. Es ist zum Aufspringen und gehen. Bleiben, zumindest in der Gegenwart (oft reicht ja schon der verzweifelte Versuch), und schauen, was passiert ist die große Kunst. Denn meistens sind es ja genau diese Zeiten, in denen Gott so viel gibt – egal ob zurück oder ganz Neues.

Statt mit der Blockade versuche ich, mich beim Beten mit Gott zu beschäftigen, wenn ich gesalte, mit der Botschaft, um die es geht (wie das in der zukunftswerkstatt so ist, ist Gott auch da meistens mit im Spiel – doppelte Übung, juhu!). Der Rest kommt dann schon, wenn nicht nur ich kommuniziere und aktiv bin, sondern mein Gegenüber gleichberechtigt mit im Boot ist. Gott, versteht sich fast von selbst. Aber auch die, die das ganze erreichen soll. Die, die ihre eigene Geschichte wiederfinden, weiterspinnen wollen und die, die selbst erzählen wollen.

Denn auch ein zweites Zuhören gehört für mich dazu: die Zukunftswerkstatt lebt von denen, die da sind und kommen, ihren Geschichten mit Gott und der Welt. Was sie mitbringen, ist spannender als alles, was man auf dem Storyboard entwerfen kann, keine Cutter*in kommt gegen die Dramaturgie des Lebens an und kein*e Synchronsprecher*in passt besser zur eigenen Geschichte als die eigene Stimmt. Es sind die kleinen und großen Erzählgemeinschaften, an denen mir so viel liegt – Menschen, die über Generationen durch alte heilige Büchern und Erzählungen verbunden sind, die sie in ihrer Zeit jeweils neu auslegen und entdecken bis hinein in die heiligen Momente ihres Alltags. Gott ist da, wirkt und beweist manchmal auch seinen/ihren schrägen Humor. Fast nichts mache ich lieber, als diese Geschichten zu hören. In ihnen und durch sie kommt die Botschaft bei mir an: Gott ist mit den Menschen unterwegs, wirkt und lässt gleichzeitig alle Freiheit – das sieht man den Gesichtern an, das findet sich zwischen den Zeilen und in dem Moment, in dem der kreative Funke überspringt. Ich glaube, Ignatius hatte mal wieder Recht, als er im Exerzitienbuch schrieb „Liebe besteht in der Kommunikation von beiden Seiten“.

Mara Feßmann

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