People of God – Fredi und Lion

People of God – Fredi und Lion

Unsere People of God-Section:
Gott ruft jeden Menschen auf die für ihn oder sie passende Weise in ein Leben in Fülle. Er hat einen Plan für jede und jeden von uns, den wir gemeinsam mit ihm verwirklichen können und dürfen. Jede Berufung, egal ob in der Familie, im Ordensstand, als Priester oder alleinstehende Person, ist ein gleichermaßen kostbares Geschenk, das wir im Volk Gottes als Getaufte, als Könige und Priester – Königinnen und Priesterinnen – entdecken dürfen. Die People of God-Section möchte einen Raum für Menschen bieten, die ihre Berufung auf besondere Weise oder unter besonderen Umständen leben.
Du willst von Deiner Geschichte erzählen? Schreib uns zukunftswerkstatt@jesuiten.org.

Als wir uns auf dem Campus Westend treffen, ist Fredi 23 Jahre alt. Sie studiert Deutsch, Englisch und katholische Theologie für das Lehramt an Gymnasien. Bei ihr ist ihr Sohn Lion, der jetzt 16 Monate alt ist. Wir sitzen auf einer Mauer hinter dem IG-Farben-Gebäude. Fredi erzählt davon, wie sie ungeplant schwanger geworden ist und von dem Weg, den sie seitdem mit ihrem Freund Joscha, ihrem Sohn Lion und Gott gegangen ist.

Julia: Grüß Dich Fredi, vielen Dank, dass Du Dich für das Interview bereit erklärt hast.

Fredi: Gerne.

Julia: Wie hast Du Dich gefühlt, als Du erfahren hast, dass Du schwanger warst?

Fredi: Zu Beginn wussten wir ja gar nicht, dass Lion ein Handicap hat. Erstmal haben wir nur erfahren, dass ich schwanger bin – und das war schon ein richtiger Schock. Ich habe einfach nicht damit gerechnet und war ja auch mitten im Studium. Meine ersten Gedanken waren, dass ich keine Ahnung habe, wie das gehen soll und dass ich das in der Situation ja auch gar nicht wollte. In den ersten Tagen habe ich schon mit dem Gedanken gespielt, dass es ja niemand mitbekommen würde, wenn ich das Kind nicht behielte. Joscha, meinem Freund, habe ich sofort von meiner Schwangerschaft erzählt. Er hat mich immer unterstützt und – zumindest mir gegenüber – nie Zweifel geäußert. Einige Wochen nachdem ich von meiner Schwangerschaft erfahren hatte, hat uns die Ärztin beim Ultraschall Lions Herz gezeigt. Ab dem Zeitpunkt hatte ich keinerlei Zweifel mehr, dass ich ihn behalten würde. Wenn ich heute zurückdenke und weiß, dass dieses winzige Herz schon ein Chromosom mehr und einen kleinen Fehler hatte, also alles schon darauf hindeutete wie es jetzt ist, macht mich das glücklich.

Julia: Welche Rolle hat Dein Glaube an Gott in diesem Prozess gespielt?

Fredi: Der Gedanke, Lion nicht zu behalten, kam schon in meinen Kopf. Ich hatte einfach Angst vor den Meinungen und Urteilen meiner Familie und anderer, was aber unbegründet war. Gleichzeitig wusste ich aber, dass ich eigentlich niemals abtreiben könnte. Ich glaube, dass Lion nicht einfach Zufall ist und zu meinem Plan gehört. Manchmal war das schon schwierig. Gleichzeitig kam mir immer wieder Gedanke, dass ich, wenn ich Gott wirklich vertraue und zu dem stehe, was ich sonst sage und auch studiere, einfach vertrauen muss.

Julia: Wann habt Ihr erfahren, dass Lion ein Handicap hat und was hat das mit Euch gemacht?

Fredi: Wir haben erst von Lions Handicap erfahren, als wir schon im fünften oder sechsten Monat waren. Zunächst haben wir von Lions Herzfehler erfahren. Um Klarheit über das genaue Ausmaß seiner Behinderung zu bekommen, haben wir uns für den gegenwärtig so umstrittenen  Bluttest entschieden. Zwei Wochen, also bis die Ergebnisse da waren, haben wir  gebangt und uns Sorgen gemacht. Zu dieser Zeit waren wir im Urlaub in Frankreich. Dort haben wir in jeder Kirche, an der wir vorbei gegangen sind, eine Kerze angezündet. Klar, ein bisschen abergläubisch ist das schon. Aber allein das Licht war für uns so symbolträchtig und immer mit einem guten Gedanken verbunden. Noch in Frankreich haben wir die Diagnose bekommen, dass Lion Trisomie 21 hat. Da habe ich mich auch gefragt, wie es sein kann, dass mir, die ich das Kind ursprünglich nicht in meinem derzeitigen Leben eingeplant hatte und mich dann doch dafür entschied, noch eine weitere vermeintliche Schwierigkeit aufgebürdet wird. Auch war ich erst 21 Jahre alt. Die Wahrscheinlichkeit, in diesem Alter ein Kind mit einer Behinderung zu bekommen, ist so gering wie es nur geht. Die Nachricht kam an einem Abend in Paris im Kreis unserer Freunde –  ich habe die Nacht dann eigentlich nur geweint und war zutiefst besorgt und vor allem verunsichert. Ich habe mich auch gefragt, ob ich nicht vielleicht selbst schuld bin, was natürlich völlig irrational war. In allen Momenten der Verunsicherung überwog jedoch immer die Liebe zu dem Kind, das in mir heranwuchs: am nächsten Morgen bin ich aufgewacht und die Frage war gegessen, einfach fertig. Lion ist nicht unser Baby, das Trisomie 21 hat. Er ist einfach unser Baby. Ich will nicht, dass irgendjemand denkt, wir hätten uns mit Lion, so wie er ist, erst arrangieren müssen – genau so, wie es jetzt ist, ist es super und richtig und ich will ihn auch gar nicht ohne Trisomie 21, denn es gibt keinen Lion ohne Trisomie 21. Lion ist nicht die Norm – wir und die Menschen in unserem Umfeld erleben das als Bereicherung.

Julia: Warst Du an einem Punkt mal richtig sauer mit Gott?

Fredi: Eigentlich nie, aber vielleicht liegt das auch daran, dass ich ein positiver Mensch bin. Besonders schwer waren die zwei Wochen der Ungewissheit, während der wir nicht wussten, ob und welches Handicap Lion haben wird. In dieser Zeit habe ich viel gebetet. Indem ich mich einfach hingesetzt und darüber nachgedacht habe, war ich eigentlich immer schon im Dialog mit Gott.

Julia: Der Umgang mit ungeplanten Schwangerschaften ist ein heikles Thema. Hat Deine persönliche Erfahrung deine Einstellung zu diesem Thema verändert?

Fredi: Bevor ich schwanger wurde, hätte ich nicht gesagt, dass ich Frauen pauschal verurteilen würde, die sich gegen eine Schwangerschaft entscheiden. In der Rückschau würde ich aber schon sagen, dass ich tendenziell durchaus auch mal vorschnell geurteilt habe. Jetzt, nachdem ich selbst in der Lage war, sehe ich das freier. Im Nachhinein würde ich sagen, dass eine Person, die noch keine Kinder hat, noch nie schwanger war oder ein Mann ist, überhaupt nicht darüber urteilen kann. Ich kann verstehen, warum Paare denken, dass sie es nicht schaffen. Ich glaube, wir brauchen da noch viel mehr Aufklärung. Behinderung heißt in unserer Gesellschaft zu häufig: Schlecht, unfähig, nicht zu gebrauchen, unnütz.

Julia: Habt Ihr diesen gesellschaftlichen Druck gespürt?

Fredi: Auf jeden Fall. Eine der Reaktionen auf die Nachricht, dass Lion ein Handicap hat, war die Frage, was er dann später „machen würde“. Als wäre jeder nur dafür da, um irgendetwas zu machen. Als ob Lion der Gesellschaft nur eine Last wäre, die Geld aus der (Kranken-)Kasse zieht.

Julia: Welche Rolle hat für Dich die Kirche gespielt?

Fredi: Die Tatsache, dass ich schwanger geworden bin, ohne verheiratet zu sein, hat mein Verhältnis zur Kirche – ich neige sowieso dazu, Glaube und Kirche eher voneinander zu trennen – in eine Krise gestürzt. Diese Krise ist nicht von Begegnungen mit konkreten Personen ausgelöst worden, sondern war vielleicht eher dogmatischer Natur: Ich habe Lion als uneheliches Kind von kirchlicher Seite als unerwünscht und uns als verstoßen empfunden. Gleichzeitig habe ich durch meine Mentorin und das Cusanuswerk große Unterstützung erfahren. Das hat mir gezeigt, dass Kirche eben nicht gleich Kirche ist. Letztendlich haben wir uns dafür entschieden, Lion taufen zu lassen.

Julia: Würdest Du sagen, es ist Deine Berufung, Mama zu sein?

Fredi: Ich fühle mich in jedem Fall dazu berufen, eine Art Advokatin für Menschen mit Trisomie 21 oder andere Menschen mit Behinderung zu sein. Dass wir dieses Kind bekommen haben, ist für mich kein Zufall. Wenn ich mich mit Menschen über Lion unterhalte, fühle ich den Drang, zu erklären, aufzuklären und zu unterstützen. Dazu möchte ich noch sagen, dass ich eine ganz glückliche Mama bin, wir eine glückliche Familie sind und dass Lion einfach nur ein Herzchen ist.

Julia: Vielen Dank für das Interview.

Fredi: Sehr gerne.

 

Von Julia

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